Douglas Preston: 500 Meilen – so nah haben wir schon lange nicht mehr beieinander gewohnt! Ich lebte schon mal in Italien, da waren wir 3.000 Meilen auseinander. Und ich wohnte in New Mexico, da trennten uns 2.000 Meilen. Anfangs, bevor es das Internet gab, kommunizierten wir direkt, Computer mit Computer und schickten uns Dateien hin und her. Wir haben auch ziemlich viel Zeit am Telefon verbracht oder uns Faxe geschrieben. Seit es das Internet gibt, ist natürlich alles viel einfacher. Großartig, wie die Technologie unsere Arbeitsbedingungen verändert hat!
Douglas Preston: Wir haben uns im Laufe der Zeit eine interessante Arbeitstechnik angewöhnt – und man kann nicht sagen, dass es einfach gewesen wäre. Normalerweise schreibe ich den ersten Entwurf. Dann schreibt mich Lincoln komplett um, und ich werde stocksauer. Also schreibe ich ihn nochmal um, und dann ist er sauer. Und so geht das hin und her, bis uns der Verlag das Manuskript aus den Händen reißt. Aber irgendwie scheint diese Art der Auseinandersetzung zu funktionieren, denn was dabei herauskommt ist viel besser, als dass, was wir fabriziert hätten, wenn wir jeder für uns allein geschrieben hätten.
Wir fordern uns konsequent heraus. Linc sagt: Sorry, Doug, aber dieses Kapitel ist wirklich Müll. Nachdem ich mich wieder beruhigt und das Ganze überarbeitet habe, sehe ich, dass er Recht hatte. Ich traue ihm – das ist der Grund, warum wir eine Partnerschaft haben! Und manchmal, wenn wir uns total verrannt haben – ich sage, wir sollten A nehmen, und er sagt, wir sollten B nehmen – dann liegt die Lösung oftmals darin, C zu nehmen. Es hat vier Bücher gedauert, bis wir das kapiert haben. Oft ist die dritte Idee die Allerbeste.
Douglas Preston: Ich glaube wir streiten uns am meisten über Figuren. Zum Beispiel, wenn die Figur etwas sagt. Wie sagt sie etwas und warum? Ist das psychologisch realistisch, und hätte sie in dieser Situation wirklich so reagiert? Witzigerweise streiten wir uns überhaupt nicht über Pendergast, unsere Hauptfigur. Wir kennen ihn so gut, er ist absolut klar für uns – vielleicht noch realistischer als einige der Menschen, die wir kennen. Über den sind wir uns meistens total einig.
Bei den Nebenfiguren ist das schon anders – da kommt es oft zu üblen Auseinandersetzungen. Nein, das hätte der in diesem Moment niemals gesagt! Und wenn er es doch gesagt hätte, dann hätte er es soundso gesagt ... Außerdem streiten wir uns über Dinge, die die Handlung betreffen. Lincoln und ich sind uns einig darüber, dass das Tolle an unseren Büchern ist, dass sie überraschende Wendungen enthalten. Damit der Leser niemals weiß, was als nächstes kommt.
Überraschungen sind in Geschichten äußerst wichtig, und so versuchen wir ständig, clevere Haken zu schlagen. Und da müssen wir uns schon richtig anstrengen, denn unsere Leser sind äußerst clever – und ahnen viele Dinge im Voraus. So müssen wir stets versuchen, sie in die Irre zu führen. Lincoln und ich streiten dann darüber, ob wir zu viel oder zu wenig verraten haben ...
Douglas Preston: In jeder Autorenpartnerschaft macht jeder Partner zwei Drittel der Arbeit ... Ich bin sicher, wenn sie diese Frage Lincoln stellen, sagt er, dass er das Meiste macht. Dabei arbeitet er nicht annähernd so effizient wie ich. Ich sitze um halb acht im Büro, und er beginnt frühestens um zehn. Er würde sagen: Doug ist faul, er hört schon um fünf auf – und ich sitze da bis Mitternacht. Und das stimmt wahrscheinlich auch – Linc arbeitet nachts besser, ich morgens. Aber mal ernsthaft: Wir beide stecken alles, was wir haben, in diese Bücher. Es geht uns nicht ums Geldmachen oder um die Auflagenzahlen, wir möchten einfach tolle Geschichten schreiben. Und wir tun alles, um das zu erreichen.
Douglas Preston: Ich glaube, Linc und ich mögen Pendergast ganz gerne. Nein mögen ist nicht das richtige Wort. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich den zum Abendessen hier haben wollte. Er ist ein ernster, hart urteilender Charakter und nicht gerade eine angenehme, entspannte Person. Obwohl er sehr charmant und interessant sein kann, ist er auch ganz schön grob. Ich habe eine große Zuneigung zu Corrie Swanson, Pendergasts Assistentin in Still Life with Crows (dt. Titel: »Ritual – Höhle des Schreckens«). Ich mag auch Bill Smithback, obwohl er eine Nervensäge und ein übler Karrierist ist. Und wen ich auch richtig gern habe, ist Lieutenant D'Agosta – der ist wirklich ein netter Mensch mit einem Herzen aus Gold.
Douglas Preston: Ja, mein Cousin, der sich mit Ahnenforschung beschäftigt – das tun wir ja in Amerika ganz gerne (...) – hat so manches herausgefunden, unter anderem, dass wir einen schrecklichen Mörder unter unseren Vorfahren hatten. Einen gewissen Amasa Greenough, der in Vermont lebte. Der war Opium-süchtig und hat ein paar Familienmitglieder umgebracht. Ich bin total stolz, den unter meinen Ahnen zu wissen. Außer Amasa Greenoug haben wir übrigens noch Emily Dickens in der Familie und ein paar andere berühmte Schriftsteller. Vielleicht erklärt das, zumindest teilweise, warum ich die Bücher schreibe, die ich schreibe.
Lincoln Child: Um ehrlich zu sein, wir streiten nicht mehr so viel. Ich denke, wir sind am Anfang unserer Karriere sensibler mit der gegenseitigen Kritik und mit der Bearbeitung unseres Materials umgegangen. Aber wir waren auch mehr auf unsere eigenen Ideen fixiert und haben ziemlich viel diskutiert. Am meisten darüber, welchen Verlauf die Geschichte nehmen sollte. Doug wollte beispielsweise, dass die Entwicklung in eine bestimmte Richtung geht oder dass eine Figur etwas Bestimmtes tut, während ich etwas anders wollte. Aber je mehr wir im Laufe der Jahre miteinander gearbeitet haben, und je mehr Bücher jeder für sich geschrieben hat, umso mehr haben wir gelernt, dem Geschmack des anderen zu vertrauen – und uns auf dessen Einschätzung und Fähigkeiten zu verlassen. Ich glaube, unsere Partnerschaft besteht jetzt aus Vertrauen und Respekt. Das hat die Streitereien in den letzten Jahren reduziert.
Lincoln Child: Meine unverfängliche Antwort auf diese Frage lautet: Wenn ich von all meinen „Kindern“ eines nennen müsste, wäre es wahrscheinlich „Formula – Tunnel des Grauens“. Die Story spielt in New York und hat eine ganze Menge New Yorker beeindruckt. Das war der Startschuss für unsere Karriere – und die des Agenten Pendergast. Ich liebe die Geschichte, weil sie eine altertümliche, gruselige Atmosphäre hat. Sie spielt nicht nur im heutigen New York City, sondern auch Mitte des 19. Jahrhunderts, in dem Bezirk Five Points, einem entsetzlichen Elendsviertel. Ich glaube, der Bösewicht, der Chirurg, ist ein exzellenter Schurke. Es gibt viele Hintergrundinformationen zu Pendergasts Familie und Doktor Leng. Das gefällt mir, genauso wie die Figur der Constance, die ich persönlich sehr mag. Aus all diesen Gründen liegt mir „Formula – Tunnel des Grauens“ wirklich sehr am Herzen.
Lincoln Child: Ich hätte nie gedacht, dass ich es auf Platz 4 der New York Times Bestsellerliste schaffen würde, überhaupt jemals auf die Bestsellerliste. Als unser erstes Buch „Relic“ im Taschenbuch Platz 14 erreicht hat, war meine erste Reaktion: „Wow, das ist fantastisch!“. Und als sich die erste Aufregung gelegt hatte: “Mann, jetzt muss ich Platz 10 erreichen“. Und wenn Sie das haben, wollen Sie in die Top 5. Würde es mir also gefallen, die Nummer 1 zu werden? Natürlich würde es das! Es gibt natürlich enorme Verpflichtungen, die mit der Nr. 1 einher gehen. Ich würde es mir wünschen, aber ich kann mir wirklich nicht vorstellen, höher als Platz 4 zu klettern. Mit Sicherheit würde ich sehr hart für dafür arbeiten. Aber ich hoffe nicht darauf, weil ich nicht enttäuscht werden möchte.
Und natürlich gibt es andere Projekte, die ich gerne verwirklichen möchte – und mit denen ich bereits angefangen habe. Lieblingsprojekte, die kommerziell nicht erfolgreich sein müssen. Wissen sie, ich habe große Freude daran, Bücher mit Doug zu schreiben. Wir wollen in gewisser Weise die Bücher schreiben, die wir auch gerne lesen würden. Wir wollen nicht zynisch sein und Bücher schreiben, von denen wir glauben, dass sie sich gut verkaufen. Wir schreiben Bücher, bei denen wir Spaß an der Recherche haben, Spaß am Schreiben und Lesen. Ich glaube, unsere Leser honorieren das. Es ist eine harte, aber dankbare Arbeit. Durch die Solokarriere, die Doug und ich verfolgen, haben wir eine Alternative für Projekte oder Krimis, die der eine schreiben möchte und für die der andere kein Interesse zeigt.
Lincoln Child: Ich denke, eine reine Science Fiction oder Fantasy-Geschichte eher nicht. Ich bin zwar ein großer Fan von Tolkien, und genieße es Science Fiction Filme zu sehen, so lange sie ein gewisses Maß an Spannung besitzen. Aber ich glaube, ich möchte für keines der beiden Genres schreiben – außer, ich wäre in der Lage, einen ausgesprochen neuen, interessanten und revolutionären Stoff dafür zu finden. Beide Stilrichtungen haben mich stark beeinflusst, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch viel mehr in diesen Genres zu sagen gibt, erst recht nicht von mir. Aber eine ganz neue Richtung zu suchen, das ist wie einen neuen Weg zum Schreiben zu finden. Wie zum Beispiel bei Harry Potter“ im Fantasy-Bereich – wenngleich es hier auch Bezüge auf Vergangenes gibt. Oder bei einem Film wie „Alien“, der in der Science Fiction eine ganz neue Richtung vorgab. Der griff auch auf Vergangenes zurück, hat es aber auf eine erfrischend neue Art angewendet.
Es gibt Teile unserer gemeinsamen und unserer Solo-Bücher, die einen kleinen Trend in die Science Fiction zeigen. Ich meine damit, dass die Computer öfter ein oder zwei Jahre in die Zukunft versetzt wurden. Trotzdem spielen sie unverkennbar im Rationalen, in der Moderne – ähnlich wie Michael Chrichtons Bücher „Andromeda“ oder „Jurassic Park“ Elemente enthielten, die man der Science Fiction zuordnen kann. Auf die gleiche Weise füge ich Science Fiction oder wenigstens einen Hauch davon in unsere Geschichten ein, damit sie auch für mich als Autor interessanter werden.